Programmatische Orientierungsthesen |
Bei dieser Frage, so auch wie bei allen anderen, lehnen wir sowohl die Ideologie der formalen Invarianz - Orthodoxie der Form - als auch die der revisionistischen Neuerungen aller Art - Heterodoxie des Inhalts - ganz und gar ab. Wie es in unseren Thesen hervorgehoben wird, stellen wir ihnen die beständige genauere Untersuchung und die jedesmal genauere Abgrenzung der unveränderlichen programmatischen Auswirkungen entgegen, die der kommunistische Kampf beinhaltet.
Diese Thesen sind also weder die x-te Ausführung irgendeines heiligen Textes noch ein Gemisch von Ideen, die ganz oder teilweise und durch den einfachen (selbst mehrheitlichen) Willen dieser oder jener Aktivisten verändert werden können. Es handelt sich vielmehr um eine "Fotografie" von einem Augenblick der ständigen gemeinsamen Tätigkeit programmatischer Wiederherstellung, wovon frühere Formulierungen bestehen und deren zukünftige Äußerungen noch kommen werden, die aber alle die historische Linie das haben, die kommunistische Praxis des Bruches mit der gesamten kapitalistischen Gesellschaft theoretisch auszudrücken.
Was diese höchst praktische theoretische Tätigkeit betrifft, ist die Arbeit der kommunistischen Fraktionen immer dieselbe: gegen alle Ideologien wahrnehmen und ausdrücken, was in der unmittelbaren Wirklichkeit das historiche Werden anzeigt, was in dem Kapitalismus und gegen ihn seine Negation ist, und den Kommunismus anzeigt; die in die Entwicklung der Revolution und Konterrevolution angehäufte Erfahrung zu synthetisieren. Es handelt sich um einen unentbehrlichen Teil der kommunistischen Aktion, nicht nur insofern, als die kommunistischen Fraktionen ein Teil und ein kohärenter organischer Ausdruck der Zerstörungsbewegung der heutigen Gesellschaft sind, sondern auch insofern, als das Proletariat durch sie seine Erfahrungen zusammenfasst und diese in Richtlinien für seine zukünftige Aktion umwandelt. So bringt der Kommunismus seine historische Führung hervor (2).
Wir wollen also weder "neue Theorien" erfinden (was immer dazu führt, dieselben Dummheiten in neuen Formen zu verschleiern), noch neue "historische Themen" entdecken, ebensowenig wie "neue Praktiken" zu fördern. Es geht für uns im Gegenteil darum, die unveränderlichen Folgen des Widerspruches Kapitalismus/Kommunismus, die existieren, seitdem das Kapital die Produktion erobert hat und in seinem Wesen die ganze Menschheit sich unterordnet subsumiert, immer deutlicher aufzuzeigen.
Ein solches Dokument hat den Vorteil, die Gesamtheit der unsere Tätigkeit orientierenden Grundpositionen global und synthetisch vorzustellen. Es kann als unmissverständlicher Bezug zu dem programmatischen Rahmen, in dem sich unsere Militanz entwickelt, dienen. Aber ein solcher Text hat auch den Nachteil (der durch die Formfetischisten sehr ausgeschlachtet wird), zu einer Bibel der revolutionären Theorie erhoben zu werden, d. h. vorzugeben, dass, einmal formuliert, alle Probleme beantwortet werden, mit denen die heute noch embryonale und verstreute kommunistische Bewegung konfrontiert wird. Wir dagegen betrachten diese Thesen als erworbene Basis, als Ergebnis einer mehrjährigen militanten Tätigkeit, die dazu dient, unseren zukünftigen Militanz auszurichten und abzugrenzen.
Die Thesen der Kommunisten sind und waren nie "theorisierende Texte" darüber, wie die Welt reformiert werden sollte. Sie waren nie ideologische Erfindungen oder Hirngespinste. Sie sind im Gegenteil der theoretische Ausdruck der wirklichen Bewegung, welche die bestehende Ordnung aufhebt. "Die theoretischen Sätze der Kommunisten ( ) sind nur allgemeine Ausdrücke tatsächlicher Verhältnisse eines existierenden Klassenkampfs, einer unter unseren Augen vor sich gehenden geschichtlichen Bewegung." Karl Marx, Manifest der Kommunistischen Partei. Als solche fassen sie die wirklichen und praktischen Bestimmungen des Proletariats als Träger der subversiven Bewegung zusammen. Sie sind gleichzeitig ein unentbehrlicher und entscheidender Teil der Praxis dieser Bewegung, die darum kämpft, sich eine revolutionäre Führung zu geben und als historische Weltmacht aufzutreten.
Im Laufe der Geschichte der Kommunistischen Partei wurden die Thesen der Kommunisten mit der Entwicklung der revolutionären Bewegung selbst (einschließlich, indem aus den aufeinanderfolgenden Niederlagen Bilanz gezogen wurde) weiterentwickelt, bekräftigt, präzisiert. Das bedeutet aber nicht, dass diese aufeinanderfolgenden Formulierungen dem freien Willen oder den verschiedenen spektakulären Neuerungen übergeben werden könnten. Als theoretische Ausdrücke des unveränderlichen Antagonismus Kapitalismus/Kommunismus sind diese Formulierungen notwendigerweise unvollkommen und unvollendet: wir können, ohne Furcht uns zu irren, behaupten, dass alle in der Parteigeschichte produzierten formalen Manifeste und dies bis zum totalen Sieg der kommunistischen Revolution falsche und von den Interessen des Proletariats selbst weit entfernte Positionen enthalten und enthalten werden.
Doch insofern, als sie tatsächliche Umsetzungen der kommunistischen Führung der Bewegung sind, bestätigt jede dieser aufeinanderfolgenden Formulierungen erneut auf verschiedenen Abstraktionsebenen die unveränderlichen Grundlagen dieser Bewegung. Deshalb muss nicht jede Generation von Revolutionären wieder bei Null anfangen; ihre praktische Tätigkeit ist im Gegenteil an unveränderlichen Grundlagen ausgerichtet, die nicht revidiert zu werden brauchen, sondern die es weiterzuentwickeln und bis zu ihren äußersten Konsequenzen voranzutreiben gilt.
Im Gegensatz zu dieser revolutionären Tätigkeit macht die Konterrevolution (und speziell die Sozialdemokratie als Partei der formalen Pseudokontinuität und der wirklichen programmatischen Revision) genau das Gegenteil. Selbst wenn sie sich auf proletarische Führer der Vergangenheit beruft, erwähnt sie von ihnen im Namen der formalen Orthodoxie nur isolierte, aus ihrem Zusammenhang gerissene Sätze und greift immer die Grundlagen des unveränderlichen Antagonismus an. Das gesamte revisionistische Werk stützt sich auf eine allgemeine Neuauslegung des Kapitalismus, auf die vorgebliche Veränderung seiner Natur und der des Kampfes des Proletariats, um danach sein unveränderlich konterevolutionäres Programm zu bestimmen.
Es erscheint uns unentbehrlich, hier Beispiele davon zu geben und damit, so hoffen wir, unsere Thesen klarer zu machen.
"DAS PROLETARIAT HAT KEIN VATERLAND" ist eine zentrale und unveränderliche These unserer Partei in ihrer ganzen Geschichte, die eine Gesamtheit praktischer Grundorientierungen bestimmt und enthält. Aber woher stammt diese Aussage her und was hat sie für Folgen? Im Gegensatz zu dem, was alle bürgerlichen Marxisten behaupten, entsprang diese entscheidende These nicht der Fantasie irgendeines genialen Theoretikers, sondern drückt im Gegenteil die Wirklichkeit selbst des Lebens des Proletariats aus.
Im ersten Manifest der Kommunistischen Partei (das seinen Titel in seiner historischen Bedeutung voll und ganz verdient) bestätigen Marx und Engels durch diesen Satz eine Wirklichkeit, die vor dem Manifest bestand und die seitdem immer einer der Ansprüche, ein Eckstein der Aktion der kommunistischen Bewegung war und die in allen späteren Formulierungen des Programms in verschiedenen Formen wieder aufgenommen wird.
Aber die Wirklichkeit des Proletariats ohne Vaterland ist keine zufällige, zeitlich und räumlich beschränkte oder mit ihrer ersten theoretischen Formulierung zu verwechselnde Wirklichkeit. Sie ist ganz im Gegenteil eine wesentliche und permanente Wirklichkeit des Proletariats als historisches Wesen, die es gegenüber dem ganzen bürgerlichen System bestimmt, und die als seine Negation schon entscheidende Bestimmungen der zukünftigen Gesellschaft enthält: Abschaffung aller Nationalitäten, Grenzen usw.
Mit anderen Worten: Selbst bevor Marx und Engels sie schon auf diese Art formulierten, war diese unveränderliche Parole der kommunistischen Bewegung schon eine Wirklichkeit: das Proletariat hatte niemals und wird nie ein Vaterland haben. Seine eigene Existenz enthält die Abschaffung aller Nationalitäten (3).
Man braucht also nicht erstaunt zu sein, wenn andere mehr oder weniger deutliche Ausdrücke dieses zentralen Programmaspekts vor oder nach diesem Manifest, an andern Orten der Welt, von anderen aktiven Kommunisten, die nicht mal etwas von Marx oder Engels wussten, formuliert oder erlebt worden sind: es sind die Äußerungen des Lebens und der Praxis unserer Klasse.
Die theoretische Bestätigung dieser im Manifest so unmissverständlichen These unterstreicht eine entscheidende und nicht mehr rückgängig zu machende Weiterentwicklung der Partei selbst: sie wird eine unentbehrliche Basis für alle späteren Formulierungen sein, die man nicht mehr rückgängig machen kann und die ein Schlachtruf des Proletariats im Kampf geworden ist.
Dies ist nicht der Ort, um den Entwicklungsweg genauer zu beschreiben, der aktive Kommunisten wie Marx und Engels zu dieser Aussage geführt hat. Es ist aber wichtig die Tatsache hervorzuheben, dass diese nicht nur eine Negation in der Form, sondern auch im Inhalt ist, insofern, als die wirkliche Bewegung des Proletariats die Negation des Vaterlandes ist. Dies ist unerlässlich, um die Darlegungsmethode der hier vorgestellten Thesen zu begreifen.
Die allgemeine Darlegungsmethode - die Gegenüberstellung Kommunismus/Kapitalismus sowie der Kommunismus, der als praktische Negation des Kapitals gesehen wird, hat die Tatsache zur Grundlage, dass alle positiven programmatischen Bestimmungen im Kapital selbst negativ enthalten sind (einschließlich die konterrevolutionären Erfahrungen). Anders gesagt ist der Kommunismus unter aktuellen der Herrschaft des Kapitals diese Negation als revolutionäre Bewegung.
Hier können nicht alle Thesen aufgeführt werden, die mit der, dass "das Proletariat kein Vaterland hat", unzertrennlich verbunden sind. Ebensowenig können die durch Marx und Engels abgeleiteten Folgen aufgezeigt werden. Aber es soll betont werden, dass diese zu einer bestimmten Wahrnehmungsebene des Kapitals als weltweite Wirklichkeit, des Kommunismus als weltweite Bewegung, des Internationalismus als entscheidendem Element der Praxis des Proletariats gehört. Ohne diese unveränderliche Basis wäre der Ruf "Proletarier aller Länder, vereinigt euch" sowie die direkt internationalistische Auffassung der Partei und des Programms (das Manifest selbst hat kein Vaterland!!!) unbeachtet oder leeres Gerede geblieben. Die Hauptsache in der historischen Linie der Partei ist diese durch Revolutionäre über Generationen hinweg gesicherte Kontinuität, wo es nicht darum geht, irgendetwas zu erfinden oder zu revidieren, sondern darum, in einer revolutionären konsequenten eigenen Praxis die in der bestehenden wirklichen subversiven Bewegung enthaltenen Bestimmungen zu entwickeln.
Der Revisionismus macht genau das Gegenteil. Er greift wahllos nach Zitaten von Marx, Engels oder irgendeinem anderen revolutionären Führer, aber sein unveränderliches Merkmal wird immer darin bestehen, die Grundlagen selbst der praktischen Bestimmungen des Proletariats wieder in Frage zu stellen. Dazu beginnt er immer mit der Behauptung, dass sich die Gesellschaft verändert habe, dass der Kapitalismus nicht mehr derselbe wie vorher sei, dass der Arbeiterkampf sich auch verändert habe..., und schließt daraus die Notwendigkeit, irgendetwas zu verteidigen, selbst das Vaterland. Zitieren wir dazu zum Beispiel Bernstein:
"Hat aber die Sozialdemokratie als Partei
der Arbeiterklasse und des Friedens ein Interesse an der Erhaltung der
nationalen Wehrhaftigkeit? Unter verschiedenen Gesichtspunkten liegt die
Versuchung nahe, die Frage zu verneinen, zumal wenn man von dem Satz des
Kommunistischen Manifests ausgeht: "Der Proletarier hat kein Vaterland."
Indes dieser Satz konnte allenfalls für den rechtlosen, aus dem öffentlichen
Leben ausgeschlossenen Arbeiter der vierziger Jahre (4) zutreffen, hat
aber heute (
) seine Wahrheit zum großen Teil schon eingebüßt
und wird sie immer mehr einbüßen, je mehr durch den Einfluß
der Sozialdemokratie der Arbeiter aus einem Proletarier ein Bürger
wird.
Der Arbeiter, der in Staat, Gemeinde usw.
gleichberechtigter Wähler und dadurch Mitinhaber am Gemeingut der
Nation ist, dessen Kinder die Gemeinschaft ausbildet, dessen Gesundheit
sie schützt, den sie gegen Unbilden versichert, wird ein Vaterland
haben, ohne darum aufzuhören, Weltbürger zu sein, wie die Nationen
sich näherrücken, ohne darum aufzuhören, ein eigenes Leben
zu führen. (
)
Man spricht heute viel von Eroberung der
politischen Herrschaft durch die Sozialdemokratie, und es ist wenigstens
bei der Stärke, welche diese in Deutschland erlangt hat, nicht unmöglich,
dass ihr dort durch irgendein politisches Ereignis in näherer Zeit
die entscheidende Rolle in die Hand gespielt wird. Gerade dann aber würde
sie, da die Nachbarvölker noch nicht so weit sind (
) national sein
müssen, wenn sie ihre Herrschaft behaupten soll, das heißt sie
würde ihre Befähigung zur leitenden Partei beziehungsweise Klasse
dadurch zu bekräftigen haben, daß sie sich der Aufgabe gewachsen
zeigte, Klasseninteresse und nationales Interesse gleich entschieden wahrzunehmen."
(Bernstein: "Die Voraussetzungen des Sozialismus
und die Aufgaben der Sozialdemokratie", Kap. IV, Aufgaben und Möglichkeiten
der Sozialdemokratie).
In diesem Falle sind die Methodik der Revision und die sich daraus ergebenden politischen Folgen deutlich genug, um nicht weiter ausgeführt zu werden. Aber im allgemeinen ist die Frage viel schwieriger. Tatsächlich haben Marx und Engels nicht alle Schlussfolgerungen aus dieser wichtigen These des kommunistischen Programms gezogen. Ebensowenig wie es z.B. der Generation der Revolutionäre von 1917 nicht gelungen war, die Folgen anderer zentraler Thesen des Programms wie "Zerstörung des bürgerlichen Staates", "Abschaffung der Lohnarbeit" usw. anzunehmen. Und aufgrund dieser unvollendeten Wiederaneignung der Wirklichkeit des "Proletariats ohne Vaterland" waren Marx und Engels in der nationalen Frage unentschieden und vertraten sogar widersprüchliche oder dem proletarischen Internationalismus direkt entgegenstehende Standpunkte. Marx und Engels zweideutige Positionen zur Frage der Sozialdemokratie deren Gründungsbasis selbst dieser These entgegenstand, (siehe ihre nationale Partei zur Verteidigung der Demokratie!!!) hängen mit dieser beschränkten Wierderaneignung zusammen sowie auch mit der Tatsache, dass Engels die genannte These restlos revidierte, um die deutsche nationale Verteidigung und die Teilnahme am imperialistischen Krieg zu fordern. Zwei Positionen stehen sich antagonistisch gegenüber: einerseits die These, nach der "das Proletariat kein Vaterland hat" mit ihren unmittelbaren Folgen - Internationalismus, direkte internationale Organisation des Proletariats, Ablehnung des Nationalismus seiner eigenen Bourgeoisie, alle Folgen, die mit dem Leben selbst des Proletariats in seinem Kampf gegen seine direkten Ausbeuter zusammenhängen, das so bereits eine internationalistische Praxis entwickelt und andererseits Engels nationalistischer, bürgerlicher, imperialistischer Standpunkt 1891, als der Kriegsausbruch zwischen dem deutschen Staat einerseits und dem russischen und französischen Staat andererseits bevorzustehen schien. Zwischen diesen beiden Positionen gibt es einen klaffenden Abgrund, einen tiefen programmatischen Bruch, eine vollständige Revision.
Es sei an Engels Behauptung erinnert: "Wird Deutschland von Ost und West angegriffen, so ist jedes Mittel der Verteidigung gut." Es wäre nötig, "auf die Russen und ihre Bundesgenossen" zu stürmen, "wer sie auch seien". Ausserdem sah er auch die Möglichkeit voraus, dass unter solchen Umständen "wir die einzige wirkliche energische Kriegspartei sind" (5). Wie man weiß, ist das Vorgenannte genau der von der Sozialdemokratie später entwickelte pro-imperialistische Standpunkt.
Mit diesem Beispiel kann deutlich aufgezeigt werden, warum sich die Vertreter der Konterrevolution und des Revisionismus in vielen Fällen als Orthodoxe aufführen konnten und können (allgemeine Methode des "marxistischen" Flügels der Sozialdemokratie, deren großer Ideologe Kautsky war), entweder, weil Marx und Engels die Auswirkungen dieser These nur halb ausgeführt haben, oder, weil Engels unter dem immerwiederkehrenden Vorwand der besonderen Bedingungen des Kapitalismus zu jener Zeit begonnen hatte, diese These restlos zu revidieren.
Diesem stellen wir die historische Haltung der Kommunisten entgegen. Uns geht es sich nicht darum, diese zentrale These zu verändern oder die unklaren Sätze zu berichtigen, die mit ihr verknüpft sind, wie z. B. dass der Kampf des Proletariats nur durch seinen Inhalt und nicht durch seine Form international wäre (6). Ebensowenig wollen wir Marx oder Engels in allen Punkten zustimmen, wo sie ganz oder teilweise Verzicht geleistet haben. Es geht uns darum, alle Folgen dieser These darzulegen. Aber diese Darlegung soll keine erfinderische oder ideologische Leistung sein, wo man sich an einen Schreibtisch oder in ein Kaffee setzt, um zu versuchen, erhellende Erläuterungen zu finden. Nein, für uns war es der Kampf selbst, der Riesenwiderspruch zwischen Revolution und Konterrevolution, der die Trennlinie zwischen der Teilnahme an den imperialistischen Kriegen zur nationalen Befreiung einerseits und dem revolutionären Defätismus andererseits deutlich markierte. Dadurch konnten andere Auswirkungen, die Marx und Engels noch nicht übernommen hatten, theoretisch und für immer zu verstehen. Seitdem sind der revolutionäre Defätismus und der Internationalismus eine wirklich geeignete Basis, ein elementarer Ausgangspunkt für die aufeinanderfolgenden Generationen von Revolutionären. Auf diese Weise, durch aufeinanderfolgende Wiederaneignungen des Programms, werden die gesamten Thesen der Kommunisten weiterentwickelt und bekräftigt!
Dadurch kann der wirkliche Widerspruch zwischen einem unveränderlichen Programm einerseits und den sich immer in Entwicklung befindenden theoretischen Thesen der Kommunisten andererseits erhellt werden, einem Widerspruch, mit dem alle Formalisten (Invarianz des theoretischen Programms von Marx und Engels) sowie die Erneuerer und Revisionisten jeglicher Couleur, konfrontiert werden.
Das Proletariat hat kein Vaterland und hat niemals ein Vaterland gehabt. Das Proletariat handelt als solches nur, wenn es gegen die Ausbeutung, gegen "seine" eigene Bourgeoisie und gegen "seinen" eigenen Staat kämpft. Diese Praxis trägt zu der wirklichen internationalen und internationalistischen Kampfgemeinschaft bei, welche die kommunistische Avantgarde versucht, effektiv zu zentralisieren: dies ist und war immer eine zentrale Achse des Kommunismus.
Marx hat das kommunistische Programm nicht erfunden: er hat nur eine Stufe seiner Aneignung ausgedrückt. Zu Beginn des zwanzigen Jahrhunderts hat die Kommunisten in ihrem Kampf überall auf der Welt gegen den imperialistischen Krieg auch nichts erfunden, sondern sie haben in klaren Thesen, Parolen und Richtlinien die Wirklichkeit der kommunistischen Bewegung zusammengefasst.
Unsere Aufgabe ist genau dieselbe. Diese Thesen (7) sind ein weiterer Ausdruck dieses kollektiven, unpersönlichen, internationalen Bestrebens des kommunistischen Programms, das über Generationen hinweg bekräftigt wird.
Diese Thesen, die die bewusste und organisierte Tätigkeit unserer kleinen Gruppe steuern und steuern werden, sind nicht unser Eigentum (wir beanspruchen nicht die Urheberschaft). Sie sind eine Zusammenfassung der Erfahrungen, die unsere Klasse und unsere Partei im Laufe der Geschichte angehäuft haben und sie gehören nur ihnen.
Verschiedene Texte, die in unseren zentralen und regionalen Zeitschriften (auf Spanisch, Französisch, Englisch, Arabisch, Portugiesisch, Kurdisch, Deutsch, Ungarisch, Griechisch, Persisch usw.) veröffentlicht wurden, erläutern und entwickeln diese Thesen weiter und bilden die Basis des Prozesses ihrer historischen Aneignung. Dafür veröffentlichen wir im Anhang der Thesen eine kommentierte Übersicht der bis heute auf französisch veröffentlichten Haupttexte. Wenn diese Texte vielleicht in einigen Fragen tiefgründiger ausgearbeitet sind als die ihnen in wenigen Zeilen gewidmeten Thesen, so ist anzumerken, dass es sich um den Keim einer gezwungenermaßen unvollendeten Arbeit handelt, die weiterzuführen ist (diese revolutionäre Arbeit wird nur durch die Realisierung der sozialen Revolution beendet werden können). Wir wiederholen es, jene Arbeitsthesen sind kein "mythischer Zielpunkt", sondern eine Zusammenfassung unserer Praxis, auf deren Basis unsere Tätigkeit weitergeht. Wir lassen den Paranoikern der Politik den Glauben, dass ein Text eine Garantie gegen die Abweichungen, den Verrat, die Spaltungen usw. sein könnte. Unsere einzige Garantie ist unser globales Engagement, indem wir nicht zu einer Gruppe oder einer Partei gehören oder einem Führer folgen, sondern zum Kommunismus, zur wirklichen Bewegung gehören, die all das abschaffen will, was von uns selbst trennt. Aber dialektisch besteht diese Bewegung nur, wenn zentralisiert, organisiert, geführt wird, d. h. nur, wenn sie als Partei gebildet wird.
Die Organisation, die Vorbereitung, die Strukturierung, die Führung dieser Partei ist das unpersönliche Werk von Fraktionen, Gruppen, Mitkämpfern, die schon immer die internationale Ausbildung der revolutionären Kader und die Vorbereitung der Weltführung der kommunistischen Revolution übernommen haben.
Seit der Entstehung der IKG besteht unser zentrales Anliegen darin, in Übereinstimmung mit unseren beschränkten Kräften und der Lage der kommunistischen Bewegung alle Aufgaben und Notwendigkeiten der Bewegung zu erfüllen. Kommunisten zeichnen sich praktisch nicht dadurch aus, dass sie "in Anbetracht der Zeit" diese oder jene Aufgabe als einzige realisierbare Aufgabe erfüllen (für die Einen die "theoretischen", für Andere die "propagandistischen" oder die "militärischen"). Wenn es so wäre, würden sich die Kommunisten vom restlichen Proletariat nur durch völlig partielle Bestimmungen unterscheiden und nur einige geringere Aufgaben im Vergleich zu denen der restlichen proletarischen Bewegung übernehmen.
Das Wesen der revolutionären Praxis ist im Gegenteil, alle Aufgaben und Notwendigkeiten der Bewegung mit Bestimmtheit zu erfüllen, ohne dabei das Machtverhältnis und die dadurch bestimmten Prioritäten zu vergessen. Bei der Erfüllung all dieser Aufgaben sind immer die historischen und weltweiten Interessen der Bewegung als Vorbedingung zu setzen, die nicht durch zufällige oder unmittelbare Zustände, sondern immer hinsichtlich des Ganzen, des Kommunismus, bestimmt werden. Dies allein ist der historische Weg zur Wiederherstellung der PARTEI.
Die geschriebenen Ausdrucksformen des Lebens und Kampfes wurden immer wieder zum Kritikgegenstand der Mitkämpfer. Dies ist ein logischer Ausdruck der Lebensdynamik bezüglich der verharrenden Dinge. Es sei jedoch daran erinnert, dass die Sprache selbst ein durch die Herrschaft des Kapitals produziertes Ausdrucksmittel ist, wodurch es außerordentlich schwierig ist, einen nicht durch diese Herrschaft bestimmten Inhalt zu vermitteln: der Widerspruch bleibt vorhanden, wenn man eine Bewegung durch eine Sprache ausdrückt, die nur verharrte Kategorien anerkennt. Ebenso kann ein Begriff in verschiedenen Sprachen je nach der durch das Proletariat erlebten Wirklichkeit verschiedene Inhalte ausdrücken.
Um diese Lücken zu schließen und diese Schwächen zu reduzieren, von denen wir trotz allem wissen, dass sie unvermeidlich sind, haben wir versucht, diese Thesen in vier verschiedenen Sprachen auszuarbeiten, um Ausdrücke der Wirklichkeit zu vereinheitlichen, die wir vermitteln wollen. Das Ergebnis ist eine behäbige und relativ "unreine" Sprache, was außerdem die Tatsache widerspiegelt, dass der Inhalt selbst der historisch und sozial bestimmten Begriffe für uns nicht dieselbe Bedeutung hat wie für die Normalbürger, auch nicht für die "politisiertesten" unter ihnen. So sind z. B. für Ausdrücke wie "Partei", "Proletariat", "Klasse", "Demokratie" und "Kapital" die verschiedenen Beiträge heranzuziehen, die wir zu diesen Themen herausgegeben haben.
Die Übersetzung der in verschiedenen Sprachen erarbeiteten Hauptbeiträge spiegelt das Bestreben wider, unsere zentralen Zeitschriften zu zentralisieren und zu vereinheitlichen. Um diese Tendenz zur Vereinheitlichung zu unterstreichen und weil es unserer Meinung nach angebrachter ist, haben wir beschlossen, dass ab Nummer 29 all unsere zentralen Zeitschriften denselben Titel bekommen werden: "Kommunismus". So wird die zentrale französische Zeitschrift "Le Communiste" von jetzt ab "Communisme" heißen. Aus Achtung vor der Beständigkeit genügt es, daran zu erinnern, was Bordiga 1953 sagte:
"Um die Beständigkeit der Beiträge
unserer Arbeit zu folgen, sollen sich die Leser mit den Veränderungen
der Namen der Zeitschriften nicht aufhalten. Diese Veränderungen sind
Episoden zuzuschreiben, die von einer niederen Sphäre abgeleitet sind.
Unsere Beiträge sind leicht erkenntlich an ihrem unteilbaren Zusammenhang.
Wenn es zum Wesen des Bourgeois gehört, ein Etikett auf jedes Fabrikat
zu legen, den Namen des Autors irgendeiner Idee zu geben oder dass jede
Partei durch ihre Leiter bestimmt wird... und wenn die formale Darlegung
sich für die objektiven Verhältnisse der Wirklichkeit interessiert,
klar ist, dass es sich im proletarischen Lager nie auf persönliche
Meinungen von dummen Wettbewerber, auf Lob oder Beschimpfungen oder auf
übergroße und überflüssige Konkurrenzen zwischen Schwer-
und Leichtgewichten nicht beschränken kann. In diesem Fall wird das
Urteil nicht durch den Inhalt bestimmt, sondern durch den guten oder bösen
Glaube dieser, der darlegt. Unsere Arbeit ist hart und schwierig, aber
sie wird ihre Ziele nur erreichen, wenn sie sich als solche annimmt und
nicht wenn sie die Tricks der bürgerlichen Werbetechnik, die ruchlose
Neigung zu Lobhudelei der Menschen in Anspruch nimmt."
(Im Laufe der Zeit - 1953)
Deshalb sind unsere "Programmatischen Orientierungsthesen" im beschränkten Sinne nicht irgendeine konformistische und anmaßende "Plattform", wodurch verschiedene Sekten sich selbst als Zentrum der Welt bestimmen. Das kommunistische Programm ist kein heiliger Text, der uns vor allen möglichen Kursabweichungen beschützen und uns eine jungfräuliche Reinheit verschaffen würde. Diesen Glauben lassen wir der Konterrevolution, die den Begriff "Plattform" mystifiziert und ihn als Synonym für "kommunistisches Programm" hinstellen will (als ob dieses auf irgendeinen bestimmten Text reduziert werden könnte!) und behauptet, dass diese Plattform nicht nur die formale Garantie für die Zukunft sein würde, sondern dass sie auch das Höchste der Gefühle die Antworten auf alle aus den Arbeiterkämpfen hervorgehenden Fragen enthalten würde. Gerade gegen diesen Fetischismus der "Plattformen", der "Programme" hat Marx schon vor mehr als einem Jahrhundert gesagt, dass ein Schritt nach vorn der wirklichen Bewegung mehr wert sei als ein Dutzend Programme.
Alle Fetischisten der ideellen Programme und Plattformen, alle unabänderlichen Anhänger des Formalismus, die glauben, dass sie keinen Fingerbreit abweichen würden, weil sie eine Plattform oder einen Satz eines bestimmten proletarischen Führers zitieren würden, seien nur daran erinnert, mit welcher Leichtigkeit sie zu einer anderen Plattform, Gruppe, Praxis wechseln, um dann die Genossen von gestern zu beschimpfen... Zuletzt wiederholen wir gegenüber all jenen, die ihren jämmerlichen Individualismus, ihren Sektarismus und Föderalismus hinter hochtrabende Reden über die ideale "Partei" oder die Vollkommenheit der "revolutionären Kader" verbergen und sich dabei auf diese Zitate von Führern der Vergangenheit stützen, folgendes:
"Was für uns Kommunisten wichtig ist,
ist nicht dieses oder jenes Zitat von Marx, Lenin oder Bordiga bzw. diese
oder jene zu einem bestimmten Zeitpunkt eingenommene Stellungnahme, sondern
jenseits der mehr oder weniger klaren Ausdrücke den unveränderlichen
Inhalt,
den roten Faden zu erfassen, der die für immer geltende kommunistische
Verhaltensweise zusammenhält, sich auf die Seite des Arbeiterkampfes
gegen alle kapitalistischen Hindernisse zu stellen. Jenseits des Verständnisses
zu einem bestimmten Zeitpunkt, jenseits der formalen Ausdrücke, jenseits
des durch Fahnen oder Arbeitertexte ausgedrückten Bewusstseins ist
der unmittelbare wirkliche Kampf der Arbeiterklasse gegen die Ausbeutung
immer - gestern wie heute und morgen - antidemokratisch, antinationalistisch
und gegen die Einheits- und Volksfronten gerichtet gewesen."
("Le Communiste" Nr. 6, Präsentation)
Unser Feind, das von der bürgerlichen Klasse personifizierte kapitalistische Sozialverhältnis, ist immer derselbe gewesen. Unsere Notwendigkeiten und Forderungen werden auch immer dieselben sein: der Kampf gegen die Ausbeutung, die Arbeitsintensität und Aufgabenerweiterung..., unsere Kampfmethoden, die direkte Aktion (die Gewalt und der revolutionäre Terrorismus), die Organisation außerhalb und gegen alle Strukturen des bürgerlichen Staates, der bewaffnete Aufstand, die weltweite Diktatur des Proletariats für die Abschaffung der Lohnarbeit... sind immer dieselben gewesen. Zu dieser wirklichen Invarianz, zu dieser wirklichen organischen Kontinuität zwischen den kommunistischen Fraktionen von heute und gestern wollen wir durch diese "Arbeitsthesen" beitragen.
T h e s e n |
Durch seine Entwicklung verursacht der Kapitalismus die Bedingungen seiner eigenen Aufhebung, nicht nur durch das Erfinden der Waffen, die den Planeten von ihm säubern werden, sondern auch und vor allem durch das Hervorbringen und Zusammentreffen der Menschen, die diese Waffen ergreifen werden: das Proletariat.
Mit dem Proletariat wird der hundertjährige Kampf gegen die Ausbeutung, gegen das Entmenschlichen der Menschen, gegen das von der Wertdiktatur abhängig gemachte menschliche Leben, für das erste Mal der Geschichte durch das revolutionäre Subjekt übernommen, das heißt durch ein mit eigenem sozialem Entwurf versehenes Subjekt, der für die ganze Menschheit gilt und mit der Fortschrittzivilisation völlig abbricht: die Vernichtung des Kapitals und dadurch die der Klassen, der Ausbeutung, des Privateigentums, aller Staaten... und die Einrichtung des Kommunismus.
Dieser Kampf ist also nicht nur die Reaktion einer ausgebeuteten Klasse, sondern auch und vor allem die Aktion einer revolutionären Klasse, die, historisch gezwungen ist ihr Programm auf sich zu nehmen, und sich als kommunistische Weltpartei zu erheben (Umkehrung der Praxis im ganzen Sinne dieser Auffassung).
So, werden Proletariat und Bourgeoisie durch ihren gegenseitigen Antagonismus bestimmt: die Bourgeoisie als Verkörperung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse, als Erhaltungspartei, als Reaktionskraft; das Proletariat als Negation jeder gegenwärtigen Gesellschaft, als Partei der Zerstörung, Träger des Kommunismus.