Genoßen,

Die Internationalistische Kommunistische Gruppe übersetzt jetzt auf deutsch die schon 1989 veröffentlichten "Programmatischen Orientierungsthesen". Wir stellen hier die erste zehn Thesen vor. Diese Thesen existieren schon auf französisch, spanisch, englisch, arabisch.

 

T 1


Die riesenhaften Probleme, denen die Menschheit heute Trotz bieten mußt - Ausbeutung, Elend, Krieg, Hunger, entfremdete Arbeit, Massenarbeitslosigkeit... - sind die mit dem kapitalistischen Fortschritt und Barbarei unzertrennlich verbundenen und notwendigen Produkte. Diesen Problemen wirklich Trotz bieten, und sie verstehen ist nur möglich, wenn, und nur wenn sie, anstatt isoliert, allein im Rahmen ihrer Dynamik miteinander, im Rahmen also des kapitalistischen Systems als letzte Klassengesellschaft der Geschichte übernommen werden, das heißt, als vergängliche Gesellschaft. Eine solche Gesellschaft ist sowohl Bestandteil des historischen Bogens von den Urgemeinschaften bis zum Kommunismus, als auch Bestandteil des Prozesses, der die materiellen Bedingungen der Gründung der kommunistischen Weltgesellschaft hervorbringt. Der Kommunismus wird nicht das Ende der menschlichen Geschichte bedeuten. Der Kommunismus, Erhebung der Menschen in einem universalen Gemeinwesen, wird im Gegenteil das Werden der wirklich menschlichen Geschichte bedeuten, als Folge der Abschaffung des Privateigentums, der sozialen Klassen, des Staats, usw.


T 2


Das primitive Gemeinwesen wurde durch seine eigenen Grenzen zerstört. Der Mensch der die Bedingungen seines eigenen Überlebens erzeugt (erweiterte Reproduktion), entwickelt seine Bedürfnisse und läßt den begrenzten Rahmen dieser beschränkten Gemeinschaft zerplatzen. Der Austausch zwischen den Gemeinschaften (der Warenaustausch fängt dort an, wo die Gemeinschaften enden) wird allmählich ihre innere Wirklichkeit subsumieren und revolutionieren, um endlich ihre historische Auflösung und den Anfang des Wertzyklus zu veranlassen (so wurde die Trennung zwischen der Nützlichkeit der Dinge für die unmittelbaren Bedürfnisse - Wertgebrauch - und ihrer Nützlichkeit als Dinge, um sich andere durch den Austausch zu verschaffen - Grundbau des Wertaustausches - ausgeführt).


T 3


Wenn wir das erste Ergebnis dieses Prozesses untersuchen, stellen wir fest, daß die Welt in unzählige verschiedene Gesellschaften abgeteilt bleibt und daß jede eine verschiedene unmittelbare Produktionsweise hat: sklavische, asiatische, germanische, usw. Wenn wir im Gegenteil diesen Prozeß mit der Aussicht seines höheren Ergebnisses betrachten - die Geldentwicklung bis auf ihre Umbildung im Weltkapital, notwendige Bedingung für die Errichtung des Kommunismus - entdecken wir sehr bald, in den Polen der Welt des Altertums (die vorkapitalistischen, im strengen Sinne des Wortes, das heißt vor dem Kapitalismus bestehend), das Bestehen des umhergehenden Handels und des Wucherkapitals, dessen Aufschwung all die Voraussetzungen des Weltkapitals und die Subsumption, in und durch dieses, all der vorherbestehenden unmittelbaren Produktionsweisen schon umfaßt.


T 4


In all den vor dem kapitalistischen Zeitraum erschienenen sozialen Gestalten, zeigt sich der Mensch, trotz des bornierten Charakters der politischen, nationalen, religiösen... Bestimmungen, immer als das Ziel der Produktion: der Austausch ist nur ein Mittel. In der allgemeinen Warenproduktion dagegen, wird die Bereicherung der höchste Zweck, und das Geld der einzige Endzweck. Seine Akkumulation wird die Bestimmung all den anderen gegenüber (das Geld als Austauschmittel, als Umlaufmittel...) und so, nach einem ausgedehnten Prozeß, setzt sich das Geld endlich doch als das den Menschen einzige gemeinsame Wesen, als die vereinigende utopische Gemeinschaft, durch. Die Entwicklung der Austausch zwingt das Kapital dazu, die Produktion zu erobern, damit wird diese der Zweck des Menschen, und die Bereicherung, der Zielpunkt der Produktion.


T 5


Dieser historische Umbildungsprozeß vom Geld in Kapital ist gleichzeitig internationaler Konzentrations- und Zentralisationsprozeß des Kapitals, und zugleich Trennungsprozeß des Erzeugers von seinen objektiven Produktionsbedingungen, oder besser gesagt, gewaltiger Enteignungsprozeß aller Erzeuger, die, ihrer lebenswichtigen Reproduktionsmitteln beraubt, zu Sklavenlohnarbeitern gezwungen werden (Schöpfung des freien Arbeiters dank dem Staatsterrorismus). Durch das Weltsubsumieren aller früheren Produktionsweisen und durch das Entwickeln der materiellen Bedingungen seiner eigenen Vernichtung, wird der Kapitalismus ein System, das nur eine Übergangsform zu einer Gesellschaft ohne Klassen für die ganze Menschheit ist: er ist so die letzte Phase des Zyklus der Klassengesellschaften. Damit bedeutet seine Vernichtung das Ende der Vorgeschichte der Menschheit.


T 6


Der Kapitalismus unterscheidet sich von allen früheren Produktionsweisen durch sein Weltwesen, das eine Bedingung für die Einheit der ganzen Menschheit darstellt, und durch die Vereinfachung/Verschlimmerung der Klassenwidersprüche: die Gesellschaft ist in zwei große feindliche Lager, in zwei sich einander unmittelbar angreifende Klassen getrennt, die Bourgeoisie und das Proletariat.
Durch seine Entwicklung verursacht der Kapitalismus die Bedingungen seiner eigenen Aufhebung, nicht nur durch das Erfinden der Waffen, die den Planeten von ihm säubern werden, sondern auch und vor allem durch das Hervorbringen und Zusammentreffen der Menschen, die diese Waffen ergreifen werden: das Proletariat.

 

T 7


Das Proletariat ist das Erbe aller ausgebeuteten Klassen der Vergangenheit, weil seine Überlebensbedingungen die Unmenschlichkeit der Lebensbedingungen all dieser ausgebeuteten Klassen der Vergangenheit zu ihrem Paroxysmus führen und, weil es all die tiefen Ursachen ihrer früheren Kämpfe in sich konzentriert. Doch, unterscheidet sich das Proletariat von diesen ausgebeuteten Klassen der Vergangenheit, weil diese letzten kein eigenes soziales Vorhaben hatten, und ihre Kämpfe materiell unmöglich, über den Rahmen einfacher Reaktionen, die nach dem alten verlorenen Gemeinschaften zu rekonstruieren und utopisch streben, hinauszugehen.
Mit dem Proletariat wird der hundertjährige Kampf gegen die Ausbeutung, gegen das Entmenschlichen der Menschen, gegen das von der Wertdiktatur abhängig gemachte menschliche Leben, für das erste Mal der Geschichte durch das revolutionäre Subjekt übernommen, das heißt durch ein mit eigenem sozialem Entwurf versehenes Subjekt, der für die ganze Menschheit gilt und mit der Fortschrittzivilisation völlig abbricht: die Vernichtung des Kapitals und dadurch die der Klassen, der Ausbeutung, des Privateigentums, aller Staaten... und die Einrichtung des Kommunismus.

Dieser Kampf ist also nicht nur die Reaktion einer ausgebeuteten Klasse, sondern auch und vor allem die Aktion einer revolutionären Klasse, die, historisch gezwungen ist ihr Programm auf sich zu nehmen, und sich als kommunistische Weltpartei zu erheben (Umkehrung der Praxis im ganzen Sinne dieser Auffassung).

 

T 8


Die Klassen bestehen nicht zuerst “an sich” (für sich selbst, durch die Produktion oder die Wirtschaft bestimmt) und danach "kämpfend" (Politik treibend). Sie bestehen nur als entgegengestellte und antagonistische organische Kräfte. Praktisch werden sie also durch ihre Oppositions- und Kampfbewegung, die mit den Produktionsverhältnissen und den einbegriffenen antagonistischen Interessen unzertrennlich verbunden sind, bestimmt. "Produktion" nicht im unmittelbaren Sinn, sich auf die Reproduktion der Dinge ausschließlich beziehend, sondern im globalen Sinne der Reproduktion der Gattung, der Ausbeutung, der zwei unversöhnlichen Lager, die der Ausgebeuteten und die der Ausbeuter, Reproduktion des Privateigentums der einen, und die immer zunehmende Masse der anderen, die durch die ersten all der notwendigen Mittel, um ihre Lebensbedingungen zu sorgen, beraubt sind, und endlich, Reproduktion des immer aufgereizteren Antagonismus zwischen Eigentümern (Verteidigern des Privateigentums) und denen, deren Existenz selbst, sich gegen diese Welt in ihrem gesamten praktischen Leben entgegenstellt.
So, werden Proletariat und Bourgeoisie durch ihren gegenseitigen Antagonismus bestimmt: die Bourgeoisie als Verkörperung der kapitalistischen Produktionsverhältnisse, als Erhaltungspartei, als Reaktionskraft; das Proletariat als Negation jeder gegenwärtigen Gesellschaft, als Partei der Zerstörung, Träger des Kommunismus.

 

T 9


Der spezifische Widerspruch der bürgerlichen Gesellschaft findet sich wieder im Kapital, das die ganze Menschheit subsumiert hat. Das Kapital verwirklicht sein eigenes Wesen - als Wert, der sich aufwertet - nur durch das Entwickeln und Revolutionieren der Produktivkräfte, was zur Folge hat, die für die Produktion aller Waren sozial notwendige Arbeitszeit zu reduzieren, oder anders gesagt, was eine allgemeine Entwertung (aller Produkte, der Arbeitskraft, jedes produktiven Kapitals...) provoziert. Das heißt, daß der Ausgangspunkt und das Ziel der Produktion - die Selbstwertung des Kapitals - in unüberwindbaren Widerspruch den von ihr eingesetzten Mitteln geraten – Revolution der Produktivkräfte = Entwertung-, was sich in jeder Krise durch massive Zerstörung von produktiven Kräften zeigt und den unveränderlich reaktionären Charakter der kapitalistischen Produktionsverhältnisse ans Licht bringt, und dadurch den Widerspruch der produktiven Kräften zum Ausbruch kommen läßt (Widerspruch, den nur das revolutionäre Proletariat bis zu seinen allerletzten, Folgen bringen kann).


T 10


Das Kapital ist unfähig, sowohl die wirtschaftliche Anarchie (sein eigenes Gesetz!) zu vernichten, als auch das Proletariat (Träger des Kommunismus!). Das Proletariat produziert als einziger den Wert, ohne ihn, könnte das Kapital nicht existieren. Das Kapital hat zum Zweck, die Wertung jedes besonderen Kapitals zu erhöhen, aber es verwirklicht sich nur in dem es den Rhythmus der Wertung im allgemeinen herabsetzt, was sich jedesmal durch mächtigere Entwicklungsphasen äußert, welche tiefere Krisen unvermeidlich abgeschlossen werden, die die Existenz selbst der Gesamtheit des kapitalistischen Sozialsystems wirtschaftlich, gesellschaftlich, ideologisch und politisch in Frage stellen.


OL.GE.TH Programmatische Orientierungsthesen