* * *

Vorstellung

Der folgende Artikel ist im Herbst 1989 geschrieben worden, also während der Ereignisse im Zusammenhang mit dem Fall der Berliner Mauer. Fünf Jahre später enthält dieser Text keine Neuigkeiten mehr, der Inhalt hat sich jedoch seinen Wert bewahrt. Wir haben beschlossen, ihn ohne Aktualisierung zu präsentieren. Seit 1989 hat sich zwar viel verändert, das Wesentliche jedoch nicht: der Klassenkampf. Die damals aus dieser Bewegung gezogenen Lehren sind immer noch gültig und werden es auch bleiben.

Der Kommunismus ist nicht tot, er ist und bleibt eine historische Notwendigkeit im Osten wie im Westen. Die Berliner Mauer trennte nur verschiedene Fraktionen der Bourgeoisie. Was einige "die neuen Bedingungen" für die kommunistische Bewegung nennen, sind nur neue Fallen für die Proletarier aus der ehemaligen DDR: "Freiheit", freie Wahlen, etc. Aber das Kapital hat in Deutschland, wie überall in die sogenannte Ost-Länder, nichts wesentliches an der Form der Ausbeutung des Proletariats verändert.

Diejenigen, die geglaubt hatten, daß es den Proletariern durch die Zerstörung der Mauer, durch Perestroika, durch die Grenzöffnungen der Ostländer, durch Reformen, etc. besser gehen wird, können heute nur feststellen, wie schön der Kapitalismus sie wieder einmal reingelegt hat. Das Elend geht weiter und intensiviert sich. Das Kapital hat unserer Klasse nichts anderes zu bieten als immer mehr Ausbeutung und Elend; Arbeitslosigkeit oder Kriege.

Wenn "ein so großes geschichtliches Ereigniss" wie die Zerstörung des "eisernes Vorhangs" stattfindet, dann nicht weil plötzlich Politiker, wie Gorbatschow oder Jelzin, menschliche Gefühle bekommen hätten. Der Grund ist, daß die ökonomische Lage es erforderte, der Wirtschaft ein neues Gesicht zu geben. Dieses neue Gesicht kann für unsere Klasse nur noch mehr Ausbeutung bedeuten. Die alten Zustände gestatteten der Bourgeoisie in Osteuropa und der Sowietunion nicht mehr, aus der Arbeit der Proletarier genügend Mehrwert herausauszuziehen, um den Wert (die Substanz des Kapitals) weiterhin auszuwerten. Und eine so radikale Änderung, genauer gesagt eine größere Ausbeutung unserer Klasse, muß einen äußeren politischen Schein haben. Dieser heißt Perestroika, Glasnost, Pluralismus der politischen Parteien, Öffnung der Mauer, etc. Wenn die Änderungen nicht funktionieren, ruft die Bourgeoisie nach noch mehr Reformen und Nationalismus. Und wenn das auch nicht klappt, erzeugt sie einfach Krieg. Und das ist heute schon ganz klar Realität in verschiedenen Regionen der sogenannten ehemaligen "kommunistischen" Länder: wie z.B. in Ex-Jugoslavien, Tadschikistan, Afghanistan, Aserbaidschan, Armenien, Georgien und sogar Moldau. Diese aktuellen Kriegsherde sind ein Anfang, der nur zum allgemeinen Krieg auf der ganzen Welt führen kann. Hinter den sogenannten ethnischen Konflikten versteckt sich die Wirklichkeit dieser Welt: immer mehr Ausbeutung und Elend für unsere Klasse, versteckt sich objektive Tat, die unvermeidlich zum weltweiten Krieg fuhrt.

Es ist wichtig zu verstehen, daß die weltweite Bourgeoisie diesen Prozeß der Öffnung der Grenzen begonnen hat. Viele Proletarier in den osteuropaïschen Länder hatten Illusionen über die Umkehrung der bürgerlichen Politik, viele andere haben aber schon am ersten Tag verstanden, was los ist. Das Proletariat hat keine Alternative dazu, für seine eigenen Klasseninteressen zu kämpfen und das ihm von der Bourgeoisie aufgedrängte Kampffeld (Wahlen, Nationalismus, etc.) zu verlassen. Der folgende Text nimmt am Aufklärungsstreben der Bewegung für den Kommunismus teil...

Im Osten nichts Neues!

Seit mehreren Monaten erwirken die Bürger Osteuropas auffällige Veränderungen (1) in der Verwaltung des Kapitals und der Beherrschung des Proletariats. In Polen, Ungarn, der DDR, der Tschechoslowakei wird viel reformiert, restrukturiert, vermehren sich die Parteien, die Presse wird "liberalisiert", über allem liegt ein "großer Hauch von Freiheit", wie uns die demokratische Zunge der Welt in Gestalt der bürgerlichen Medien verkündet.

Aber was bedeuten diese Umwälzungen, diese Umgestaltungen für das Funktionieren der bürgerlichen Herrschaft? Welcher Notwendigkeit entspringen diese Reformen? Sie sind vor allem ein Ausdruck der Notwendigkeit für die Bourgeoisie, die Krise zu verwalten, ihre Gewinnquoten zu verteidigen, vor allem aber eine Vorbeugung gegen Aufstände, die unvermeidlich aus dem wirtschaftlichen Zwang, dem das Proletariat unterworfen ist, folgen werden.

Die Krise des Kapitals kennt keine Grenzen... aber sie drückt sich in verschiedener Weise aus, je nachdem welche Möglichkeiten die örtliche Bürger hat, sie einzudämmen. Die Wirtschaft der osteuropäischen Länder verfällt, sie liegt am Boden. Hier und da gesammelte Informationen zeigen, wie wenig Arbeit es gibt und wie gering ihre Intensität ist: So berichtet ein Arbeiter aus der Tschechoslowakei, in seiner Druckerei "arbeitet man real nur zwei Tage pro Woche", ein anderer berichtet, "die Arbeiter verlieren manchmal die Hälfte ihrer Arbeitszeit durch die schlechte Organisation". Oft bezeichnen die Proletarier ihren Lohn als "Arbeitslosenunterstützung", da sie sich alle für halbe Arbeitslose halten. Eine Arbeiterin aus der DDR spricht von einer Abwesenheitsquote in ihrer Fabrik von unter 50%. Ein russischer Arbeiter resümiert die Lage mit einem Witz: "Wenn wir uns hinstellen, um zu arbeiten, stellt sich der Staat hin und entlohnt uns"!

Die demokratische Heuchelei zeigt sich noch einmal ganz besonders in den Aufschreien der Medien: "Man muß Polen über den Winter helfen!", ganz so, als wäre das Kapital zuständig für Hilfe, Solidarität und Brüderlichkeit. Der einzige Grund, warum die Bourgeoisie bereit ist, etwas Brot abzugeben, ist ihre Angst, der Hunger könnte sich in einem gewaltigen Angriff auf ihre terroristische Ordnung entladen. Die Hungerrevolten in Argentinien 1989 zeigten uns plastisch, in welchen Tempo sich die bürgerliche Ordnung großzügig zeigen kann, wenn sich einige Proletarier aufregen: nur ein paar Stunden nach Beginn der Riots kamen die ersten LKW mit Nahrungsmitteln in den Arbeiterbezirken an.

Die relative Schutzzollpolitik im Osten und die unflexiblen staatlichen Strukturen dort führten zu einem unerbittlichen Krieg der kapitalistischen Fraktionen untereinander, dessen Ergebnis war, daß die kapitalistische Konstellationen und heute herrschenden Fraktionen, die sich z.B. in der EG oder den USA organisiert haben, ihre Vorstellungen vom freien Welthandel als Gesetz diktieren.

Es war also eine absolute Notwendigkeit für diese zentraleuropäischen Nationen, "ihre" Wirtschaft zu restrukturieren, sowohl um die Schwierigkeiten der kapitalistischen Gewinne durch einen Rückgang des gesellschaftlichen Lohns der Arbeiter auszugleichen wie auch um zu verhindern, daß sich die Proletarier darüber empören und entsprechend allen Reformismus, alle bürgerlichen Alternativen, auf den Müll werfen. Hier gelang es der Bourgeoisie mit einer unglaublichen Schnelligkeit und Flexibilität, sich anzupassen.

Die alten stalinistischen Oligarchien wurden abgesetzt mit einer Leichtigkeit, die deutlich zeigt, wie lebenswichtig es für das System als Ganzes war, daß eine reformistische Mannschaft an ihre Stelle trat. Dieses Schema gleicht sich fast aufs Haar in allen diesen Ländern, wo die Oppositionsparteien und die linken Flügel der nationalen "kommunistischen" Parteien, die Reformen und den Übergang nach der Errichtung einer pluralistischen Parteienlandschaft, freien Wahlen, usw., verwalten. Und so sieht man die polnische Arbeiterpartei und die Gewerkschaft Solidarnosc, die SED und das Neue Forum, die ungarische KP - nach der Wende SP - und das Demokratische Forum, angebliche "Feinde" von gestern, heute zusammen die Fahne ihrer nationalen Wirtschaft schwingen und das Ende des Stalinismus, die Verwirklichung der gemeinsamen demokratischen Ideale und die Notwendigkeit, das Vaterland zu retten, diskutieren... und dabei zusammen alle Proletarier zur Ruhe und Vermeidung von jeglicher Gewalt zu ermahnen. In Prag schütteln Vaclav Havel und Dubcek die Hände ihrer ehemaligen stalinistischen Kerkermeister, in Moskau bezeichnen die ehemaligen Mörder heute amtlich den Einmarsch in die Tschechoslowakei als einen "Irrtum". Die Einwechselspieler der Bourgeoisie übernehmen ihre Funktion, wobei alle diese neuen "Joker" natürlich immer einverstanden waren mit dem Wesentlichen, d.h. der Aufrechterhaltung der kapitalistischen Ordnung, und nun werden sie uns als "Opposition" vorgeführt, aber natürlich nicht als eine Opposition gegen die wirklichen Probleme, die das Elend, die Unterdrückung und den Schrecken verursachen.

So sind die östlichen Proletarier heute mit den Versprechungen der seligmachenden "Mehr-Parteien-Systeme" westlicher Prägung abgespeist. Die glückliche Zukunft und die hoffnungsvolle Antwort, die ihnen heute verkauft werden, sind Presse-, Versammlungs- und Organisationsfreiheit, freie Wahlen, freie Gewerkschaften, Menschenrechte, die freie Marktwirtschaft, d.h. Rechte, Rechte und nochmals Rechte, aber immer noch kein Brot! Als ob rechtlich verschiedene, ideologisch aber verbundene Fraktionen der Bourgeoisie im selben Parlament etwas an der Tatsache ändern würden, daß die demokratische Ordnung im Westen wie im Osten ihre Herrschaft weiter ausüben kann. Und tatsächlich wird die fortdauernde kapitalistische Wirklichkeit jene schnell zwingen, klein beizugeben, die leichtgläubig mit Blick auf auf die Versprechungen des Staates im Osten denken, ihre Lage würde sich schnell bessern. Man wird nicht lange darauf warten müssen, daß die demokratischen Kräfte der verschiedenen "Foren" ihre Reformen bewaffnet schützen und auf die Proletarier schießen werden, um festzustellen, daß sie dieselben Interessen wie die Stalinisten verteidigen. Ganz wie jene russische Hausfrau, die zynisch verkündete, beim Öffnen ihres Kühlschranks keine "Perestroika" vorzufinden, werden die östlichen Proletarier schnell feststellen, daß, egal welche Fraktion es gerade verwaltet, das Kapital keine andere Möglichkeit hat, als die Krise katastrophal zu vertiefen und die Lebensbedingungen des Proletariats zu verschlechtern.

Dort wo 1953 die kämpfenden Proletarier mit Panzern unterdrückt wurden, hofft man nun, angesichts sich mehrender Zeichen einer explosiven Lage, diese durch das Recht, sich beherrschen zu lassen und obendrein die Freiheit seiner Herrscher auswählen zu können, zu beruhigen. Das ist die bürgerliche Alternative gegenüber der Jahrzehnte des rauhen und strengen Stalinismus, gegen den die Proletarier kämpften. Sie wird keine zehn Jahre überstehen.

In Berlin ist eine Mauer gefallen, aber das Elend geht weiter!

Im Osten Deutschlands läuft die Bourgeoisie der allgemeinen Unzufriedenheit hinterher, um sie wiederzuverwerten. Der höchst explosive Anblick der Lage zwang den Staat allmählich, die gewaltigen Demonstrationen der letzten Monate zu legalisieren, die zahlreichen Ausreiseanträge gen Westen zu bewilligen, die alte Mumie Honecker abzusetzen, ein Mehrparteiensystem und freie Wahlen vorzuschlagen, Egon Krenz nach einem kurzen Versuch, ihn als Nachfolger Honeckers zum neuen Staatsführer zu machen, wieder in die Wüste zu schicken, schließlich die Berliner Mauer abzureißen, besonders verhaßte Mitglieder der ehemaligen Regierung zu inhaftieren... usw. Aber auch solche spektakulären Maßnahmen schienen nicht schnell genug den Groll und die Wut der Proletarier zu beruhigen. Diejenigen, die jetzt auf die Straßen gehen, verlangen Rechenschaft. In Dresden, Rostock, Cottbus und Suhl gingen sie hinein in die Gebäude der politischen Polizei (die Stasimörder) und zerstörten Dokumente und Karteien. In Erfurt stellten die Demonstranten Wachen auf, um die Gebäude der Geheimpolizei zu kontrollieren. Angriffe wurden sowohl gegen die ostdeutsche Armee, die NVA, als auch gegen die sowjetischen Streitkräfte ausgeführt. Die Regierung erließ mehrere Aufrufe zur Aufrechterhaltung von "Sicherheit und Ordnung" und kündigte an, die "Sicherheit der militärischen Anlagen zu gewährleisten und den illegalen Zugriff auf Waffen und Benzin zu verhindern".

Weil sie mit Schrecken sehen, daß die Waffen, mit denen das Proletariat niedergehalten werden sollte, dieses nur noch mehr provoziert, entwaffnet die ostdeutsche Bourgeoisie die Miliztruppen in den Fabriken (GST), weil die Waffen, über die diese Truppen verfügten (rückstoßfreie Geschütze, Flugabwehrgeschütze, Granatwerfer, Panzer...), eine große Versuchung darstellten für alle, die weiter davon träumen, den demokratischen Radau, den die Opposition veranstaltet, mit militärischen Mitteln gegen den Klassenfeind zu richten. Die bürgerlichen Fraktionen aller Schattierungen haben Angst vor der Explosion und sammeln vorsichtshalber die Waffen ein. Das Neue Forum fühlt die Gefahr für die Demokratie, die vom Proletariat kommt und ergänzt den Aufruf zur Entwaffnung mit dem zur Ruhe. Die protestantische Kirche legt, ihrem Selbstverständnis folgend, den Schwerpunkt darauf, daß, "wenn die Wut der Bevölkerung auch verständlich ist,... keine Gewalt entschuldigt werden kann... und man dem Haß nicht nachgeben darf".

Die Bourgeoisie unternimmt so endlose Anstrengungen, um eine Explosion der Lage zu verhindern, wobei die Ideologien, die die verschiedenen bürgerlichen Fraktionen noch gestern vertraten, keine Rolle spielen. Selbst "rechte" Stalinisten von gestern, stille Teilhaber und Vollstrecker der Massenmorde von 1953 (z.B. Egon Krenz, der Honecker-Nachfolger) spielen sich heute als Avantgardisten der Reformen und der Umstrukturierung um jeden Preis auf, während die Opposition (Neues Forum u.a.) im Einverständnis (mit ihnen) und ergänzend handelt, sie verwandeln jeden Ausstoß der Erbitterung der Basis in eine verantwortliche Frage für mehr Demokratie, für einen "wirklichen Sozialismus". Der Unmenschlichkeit ein menschliches Gesicht zu geben, den Proletariern ein annehmbares Bild ihrer Ausbeutung und ihres Elends zu zeigen, das ist das Projekt der gegenwärtigen bürgerlichen Politik und der "politischen Umbrüche" in der DDR (aber auch z.B. in der Tschechoslowakei). In anderen sozialistischen Ländern, z.B. in Algerien und China, reagierte die Bourgeoisie zu spät und konnte so das Blutbad nicht mehr vermeiden.

Aber es gibt noch ein anderes Gespenst, daß die Bourgeoisie während der Restauration in Ostdeutschland wieder zum Leben erweckt: Das wiedervereinigte Deutschland. Es ist klar, daß es von unserem Klassenstandpunkt aus keine "deutsche Frage" gibt. Der Grund, die Frage der Wiedervereinigung auf die Tagesordnung zu setzen, ist, den proletarischen Kampf um die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen unter dem Dach eines Staates zu sammeln und die wichtigsten Produktivkräfte der konkurrierenden Nationen umzuleiten und umzuwandeln. Der Wunsch der ostdeutschen Proletarier, Eltern oder Freunde auf der anderen Seite der Mauer wiederzufinden, oder die Tatsache, daß Arbeiter in Westdeutschland nach höheren Löhnen suchen oder nach Waren, die es im Osten nicht gibt, ist etwas völlig anderes. Aber der Staat benutzt diese Phänomene, um den Nationalismus zu ermutigen und die proletarischen Interessen darin zu ertränken.

Und tatsächlich tauschten schon im September 1989 die Ostdeutschen eine Nation gegen eine andere, um Arbeit zu finden. Kaum angekommen, machten sie die Erfahrung der Freuden des westlichen "freien" Marktes in Gestalt kleinerer und größerer Unternehmer, die sie einstellen wollten, da sie an einem neuen Zulauf billigerer Arbeitskräfte sehr interessiert waren. Da es aber nirgendwo genug Arbeit für alle gab, traten die ostdeutschen Arbeiter direkt mit ihren Klassenbrüdern in Konkurrenz.

Wenn die Monopole und die Tendenz zu großen wirtschaftlichen Konzentrationen, die sich in Krisenzeiten noch verstärken, weil es darum geht, sicherer vor der Konkurrenz zu sein, wahrscheinlich eine Wiedervereinigung Deutschlands durchsetzen, so werden sie das auf jeden Fall gegen die gegenwärtigen und zukünftigen Interessen der Arbeiter tun.

Als bevorrechtigtes Gebiet des Kapitals ist die DDR schon seit langer Zeit von der BRD abhängig: Steuerfreiheit für Ausfuhren, bevorrechtigte Handelsverträge, 3,3 Mrd. DM zinsloses Darlehen jährlich in Sachleistungen usw. Alle wissen, daß die DDR tatsächlich das dreizehnte Mitglied der EG ist! Noch intensiver wurde diese Hilfe nach der Beseitigung des "Eisernen Vorhangs" im November 1989. Aber diese Stütze hat natürlich nichts philanthropisches. Die Proletarier in der DDR konnten ihre materielle Situation durch diese Hilfen nicht verbessern, die verliehenen Geldmittel betreffen nur die Geschäftsführer des Kapitals.

Die Frage eines vereinten Deutschlands, das Mehrparteiensystem und die freien Wahlen, die Abschaffung des Verfassungsartikels über die führende Rolle der SED, die Öffnung der Mauer... man findet alle diese kümmerlichen Spielzeuge der Rechte und wiedererlangten Freiheiten in diesem Spruch eines ostdeutschen Fußballfans: "Jetzt können wir unsere Mannschaft auch draußen unterstützen!" Abgesehen davon haben sie noch das Recht erlangt, sich an den Schaufenstern zu erfreuen, was viele Proletarier auch durch Besuche im Westen unterstreichen. Um aber die Möglichkeit zu bekommen, Waren zu kaufen, braucht der ostdeutsche Proletarier Schaufenster allerdings nicht so dringend, sondern Geld. Eine Mauer fällt - aber das Elend geht weiter!

Die Wiedervereinigung der beiden Deutschlands und der erste Schritt in diese Richtung, den die Öffnung der Mauer darstellt, ruft noch andere Projekte auf den Plan. Mit demagogischen Wahlkampfparolen fordern die Bourgeoisiefraktionen, die an einem vereinten Deutschland interessiert sind, einen "Schutzwall" gegen die "Wanderungsbewegungen aus dem Osten". Ohne es direkt auszusprechen, erschrecken sie die europäischen Regierungen mit dem Bild der Einwanderung potentieller Arbeitsloser, sie erinnern in diesem Zusammenhang an die "Migration aus dem Mittelmeerraum", verpackt in Euphemismen der Politikerkaste.

oOo

Es ist klar, daß die Bourgeoisie im Osten ihre reformistischen Ideen nicht aus eigener Einsicht hervorbringt, sie wurde vom Proletariat dazu gezwungen. Die Erfahrung von Tien-An-Men zwang die osteuropäischen Bourgeoisien, entsprechende Lehren zu ziehen. Man mußte die Bewegungen im Osten entweder baldmöglichst blutig unterdrücken wie in der DDR 1953, in Ungarn 1956, in Polen 1980 oder noch in China 1989, was aber womöglich eine Verstärkung des proletarischen Klassenbewußtseins hervorgerufen hätte, oder aber, die örtlichen Bourgeoisien entwickelten Mittel und Wege, die Bewegungen zu entschärfen, indem sie etwas genügend "Neues" vorschlugen, etwas so "Auffälliges" wie die "Perestroika" in Rußland, natürlich entsprechend den örtlichen Verhältnissen.

Das Problem für die Bourgeoisie in Ostdeutschland, konfrontiert mit einer so explosiven Lage, ist und bleibt, daß eine massive bewaffnete Unterdrückung wie etwa der Massenmord von Tien-An-Men, aus mehreren Gründen sehr gewagt, wenn nicht sogar unmöglich wäre. Erstens, weil der Einsatz des örtlichen Gendarmes (der 380.000 sowjetischen Soldaten, die in der DDR stationiert sind) fast unmöglich ist, denn dadurch würde der gesammte Reformfeldzug der osteuropäischen Bourgeoisien völlig kompromittiert, zweitens, weil ein Massenmord, wie er in China geschah, ein Risiko unkalkulierbarer Ausweitungen in sich trägt: Selbst das Proletariat in Westdeutschland wäre aufgerüttelt worden, weil es viele Verbindungen jenseits der "Mauer" gibt, viel stärker aber wäre das Echo der Streik- und Solidaritätsaktionen der osteuropäischen Bevölkerungen gewesen, die ebenso unter der wirtschaftlichen Krise zu leiden hatten.

Alle bürgerlichen Fraktionen im Westen haben übrigens sehr gut verstanden, was hinter den erbitterten Demonstrationen im Osten steht. Während sie nicht aufhörten, uns im Westen damit zu langweilen, daß der "Sozialismus" notwendigerweise enden müsse, während sie nicht müde würden, uns vorzuschlagen, wir sollten doch "nach drüben gehen", wenn es uns hier nicht paßt, jetzt fordern alle diese Scheißkerle von uns "Solidarität" gegenüber den Problemen, die die osteuropäischen Nationen haben. Der belgische Ministerpräsident resümierte die Meinung der europäischen Bourgeoisie, indem er die UdSSR beschwor, alles, was möglich sei, zu tun, "um die Kontrolle über die Satellitenstaaten zu behalten". Gibt es eine klarere Aufforderung an die UdSSR, ihre Gendarmentätigkeit weiter auszuüben, oder sollte das etwa ein Witz gewesen sein? Ebenso eindeutig ist der Wunsch der beiden großen Militärblöcke (NATO und Warschauer Vertrag), ihre Bündnisse unverändert zu erhalten. Die Bourgeoisien im Westen, und weiter überall auf der Welt, hören nicht auf, den status quo, das Gleichgewicht, die Reformen mit Bedacht... zu preisen. Sie haben nur das Wort "Bestand" im Mund, weil sie hinter "Unbeständigkeit" die Nase des alten Maulwurfs sehen. Das Gespenst des Kommunismus geht immer noch um in Europa!

Der alte Maulwurf gräbt und gräbt...

Obwohl das Proletariat als Gespenst existiert, ist seine Manifestation ungeheuer schwach. Es ist wirklich sehr ermüdend, zu sehen, wie die unterschiedlichen bürgerlichen Fraktionen die Proletarier umgarnen und ihnen ihre eigenen Fahnen in die Hand drücken: In Ostdeutschland wie in der Tschechoslowakei, es sind nicht (mehr!) die schwarzen und roten Fahnen, die über den Köpfen der Demonstranten wehen, sondern die der Nation, der Freiheit, der Demokratie und des Mehrparteiensystems. Der Bourgeoisie gelingt es so tatsächlich, einen Tunnel zu errichten, dessen Ausgang nur in einen Krieg münden kann - jedenfalls wenn sich das Proletariat weiter zum linken Flügel der Demokratie machen läßt.

Entgegen dieser dunklen Perspektive und der Schwächen des Proletariats können wir jedoch einen gedämpften Optimismus an den Tag legen; nicht natürlich gegenüber den tragischen Mängeln in der Vorbereitung auf die künftigen Kämpfe, aber sehr wohl gegenüber der mehr und mehr offensichtlichen Vereinheitlichung der Lage des Proletariats und der Reden, die die Bourgeoisie benutzt, um die Krise zu rechtfertigen. Alle Fraktionen der Bourgeoisie führen die "Demokratie" im Mund, um dem Proletariat ihre Programme aufzuzwingen. Aber auch wenn die Rede von der Demokratie den zu leichtgläubigen Proletariermassen noch heute Illusionen macht, die Unmöglichkeit für die "Demokraten", eine andere Perspektive als das Elend anzubieten, sollte es den Proletariern ermöglichen, den demokratischen Mythos zu zertrümmern und zu begreifen, was die Demokratie überall auf der Welt ist, unabhängig vom jeweiligen örtlichen Regime und unabhängig von der ideologischen Verkleidung: Die terroristische Lebensform des Kapitals! Wird es also noch lange dauern, bis das Proletariat angesichts der Polizeiwaffen Walesas handelt? Und wenn, werden die "Neuen", "Demokratischen", "Sozialistischen" und sonstigen "Foren" bewaffnete Kräfte zum Schutz der Demokratie schicken, und auf diejenigen schießen lassen, die die Reden über die Notwendigkeit von "Opfern" nicht mehr akzeptieren? Wird es dann noch langer Beweisführungen bedürfen, um die gemeinsame demokratische Substanz von "Diktaturen einer Einheitspartei" und der von "Mehrparteiensystemen" aufzuzeigen?

Nachdem die Falle des Pseudo-Sozialismus nicht mehr funktioniert, was fällt den östlichen Bourgeoisien noch ein, um die Kämpfe zu verfälschen und zu kanalisieren? Das neue Credo Gorbatschows, die "wirtschaftliche Solidarität", um die Wirtschaft des Landes anzuheben, verfängt nicht. Mehr und mehr und überall werden die kämpfenden Proletarier das Rasseln der Panzerketten zu hören bekommen.

Die Vereinheitlichung der Ausbeutungsbedingungen und der ideologischen Fallen kann nur die Vereinheitlichung des Proletariats und dann seiner kämpfenden Antworten verstärken.

Was heute wie ein Sieg der Bourgeoisie erscheint (die stark genug zu sein scheint, um eine Aufstandsbewegung vorauszusehen und sie zu brechen) könnte sich tatsächlich gegen sie wenden und die Arbeiterklasse stärken. Grab weiter, alter Maulwurf, grab weiter!

Fußnote

1. Diese Veränderungen sind zwar "auffällig" im oberflächlichen Sinn der bürgerlichen Medien, doch ist dieses Adjektiv "auffällig" nicht synonym mit "wesentlich", weil, wie wir im folgenden Text zeigen werden, die bürgerlichen Reformen nur notwendige Korrekturen der Ausbeutungsbedingungen sind, von der Bourgeoisie inzenierte Änderungen, die sogenannten "Öffnungen". Sie sind weder wesentliche sachliche Veränderungen der Lage, in der sich das Proletariat befindet, noch zeigen sie irgendeine Möglichkeit auf für die Bourgeoisie, aus der Krise herauszukommen. Das einzig "auffällige" an den Reformen in Osteuropa ist das dazu veranstaltete Medienspektakel.

OL.GE.1.3 Eine Mauer fällt und das Elend geht weiter!